3 Die Wolkenkratzer
Sie ragen über alles hinaus und werfen lange Schatten auf die Stadt. Google, Meta und Amazon kontrollieren weite Teile des Internets. Sie kaufen Konkurrenten auf, bevor diese groß werden, und sammeln Daten, die mehr über uns verraten als wir selbst wissen. Was wie ein freier digitaler Raum wirkt, ist in Wahrheit ein sorgfältig verwaltetes Geschäftsmodell – und die Stadt gehört immer mehr ihnen.

Die Türme, die alles regeln
Im Jahr 2026 hat die EU-Kommission sieben Unternehmen offiziell als Gatekeeper eingestuft: Alphabet, Amazon, Apple, ByteDance, Meta, Microsoft und Booking. Über deren 23 digitale Dienste läuft der Großteil des gesamten Internet-Traffics, von Suchmaschinen über App Stores bis zu Cloud-Infrastruktur und Online-Werbung. Das ist kein Marktversagen am Rand, sondern strukturelle Kontrolle über die digitale Grundinfrastruktur.
Wer sich gegen die Entscheidungen eines 1,5-Billionen-Dollar-Konzerns wie Meta stellen will, spürt schnell die eigene Machtlosigkeit. Diese Unternehmen bringen Updates, die mehr Werbung erlauben, kaufen kleinere Firmen auf und verändern Plattformen grundlegend, ohne die Nutzenden zu fragen. Wer bleibt, akzeptiert. Wer geht, verliert den Anschluss. Die Angst, etwas zu verpassen, hält die meisten in den Türmen fest.
Erst umwerben, dann auspressen: Enshittification
Der Autor Cory Doctorow hat diesem Verfall einen Namen gegeben: Enshittification. Der Prozess läuft in drei Stufen. Zuerst umwirbt die Plattform ihre Nutzenden mit Qualität und wenig Werbung. Dann werden Regeln und Algorithmen so angepasst, dass Geschäftskunden profitieren und Nutzende schlechter gestellt werden. Am Ende presst die Plattform auch die Geschäftspartner aus und schöpft den Wert selbst ab. Facebook ist das Paradebeispiel: erst werbefrei und freundesorientiert, dann Werbekanal, schließlich ein Algorithmus, der zeigt, was Facebook will, nicht was du willst.
Deine Daten, ihr Geschäft
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff nennt das Geschäftsmodell der Türme Überwachungskapitalismus: eine Marktform, die menschliche Erfahrung als kostenlosen Rohstoff für Extraktion, Vorhersage und Verkauf reklamiert. Der Fall Cambridge Analytica zeigte, wohin das führt: Daten von bis zu 87 Millionen Facebook-Profilen wurden zu psychologischen Profilen verarbeitet und beeinflussten nachweislich Wahlkämpfe. Wer das Internet kostenlos nutzt, bezahlt mit seinen Daten.
Gekauft heißt nicht besessen
Auch Eigentum verschwindet in den Türmen. Sony entfernte 2023 bereits gekaufte Filme aus den Video-Bibliotheken seiner Kunden, rechtlich abgesichert durch Nutzungsbedingungen, in denen Begriffe wie „kaufen" und „besitzen" ausdrücklich keine Eigentumsübertragung bedeuten. Der Verbraucherschützer Louis Rossmann spricht vom „Untergang des Eigentums": Filme werden gestreamt, Musik lizenziert, Spiele heruntergeladen. Alles scheinbar grenzenlos verfügbar, nichts gehört dir.
Das schwindende Vertrauen
Die Bewohner spüren das. In der Umfrage zu dieser Arbeit gaben 83 Prozent an, sich im Internet nicht sicher vor Betrug, Fake-Profilen und Manipulation zu fühlen. Ganze 91 Prozent glauben, dass Konzerne und Algorithmen gezielt steuern, welche Inhalte sichtbar werden. Das Misstrauen ist keine Randerscheinung mehr, sondern die Standardannahme, mit der man durch die Stadt geht.
Regeln von oben
Immerhin: Die EU versucht mit dem Digital Markets Act, die Macht der Gatekeeper einzugrenzen. Dass es dieses Gesetz braucht, zeigt aber auch, dass Barlows Traum vom selbstregulierten Netz gescheitert ist. Die Geschichte lehrt: Wer im Internet erst einmal Macht erlangt hat, setzt alles daran, sie auszubauen, mit fairen oder unfairen Mitteln.
Blick nach oben lohnt sich
Die Wolkenkratzer wird man nicht abreißen, aber man kann lernen, ihre Schatten zu erkennen. Wer weiß, wem die Stadt gehört, trifft bewusstere Entscheidungen: welche Dienste man nutzt, welche Daten man teilt und wann sich der Umzug in eine kleinere Straße lohnt.



