2 Die Innenstadt
Hier pulsiert das Leben der Stadt – laut, bunt und voller Menschen. Social-Media-Plattformen und große Handelsseiten ziehen täglich Millionen Besucher an. Doch hinter der bunten Fassade geht es weniger um echten Austausch als um Aufmerksamkeit und Geld. Inhalte werden nicht mehr danach bewertet, ob sie wahr oder wertvoll sind – sondern danach, wie viele Klicks sie erzeugen.

Die Währung der Stadt
„Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen." Das schrieb der deutsche Architekt und Stadtplaner Georg Franck bereits 1993, lange bevor die Innenstadt von Netropolis ihre heutige Größe erreichte. Seine These: Aufmerksamkeit ist neben Geld eine eigenständige ökonomische Währung, mit eigenen Regeln, eigenen Märkten und eigenen Ungleichheiten. Er sagte sogar voraus, dass die Aufmerksamkeitsökonomie dabei ist, die Geldökonomie als gesellschaftliche Leitwährung abzulösen.
Aus heutiger Sicht hat er recht behalten. In der Innenstadt wird rund um die Uhr um deinen Blick konkurriert, denn wer deine Aufmerksamkeit hat, hat dein Geld. Jeder Klick, jede Sekunde Verweildauer, jedes Scrollen ist eine Transaktion. Und je radikaler oder polarisierender ein Inhalt ist, desto leichter überwindet er die Aufmerksamkeitsschwelle und erreicht die breite Masse.
Vom freien Marktplatz zum Einkaufszentrum
Das World Wide Web boomte ab 1995, und mit der Dotcom-Blase floss so viel Geld in die Stadt wie nie zuvor. „In gewissem Maß bedeutete die gewaltige Kommerzialisierung des Internet einen Verrat am Versprechen des freien Zugangs", schreibt der Soziologe Manuel Castells. Das Internet war fortan mehr Investitionsfeld als gemeinnütziges Projekt. Was als offener Marktplatz für alle gedacht war, wurde Stück für Stück zum durchgeplanten Einkaufszentrum, in dem jede Fläche vermietet ist.
Reißerisch verkauft sich besser
Die Aufmerksamkeitsökonomie hat auch den Journalismus verändert. Klickzahlen sind in Echtzeit messbar und entscheiden über wirtschaftlichen Erfolg, also orientieren sich Redaktionen zunehmend daran, was möglichst viele Menschen anzieht. Ein problematischer Kreislauf: Reißerische und angstbesetzte Themen erzeugen hohe Aufmerksamkeit, die Nachfrage steigt, und die Verlage setzen noch stärker darauf.
Schrumpfende Aufmerksamkeit
Gleichzeitig konsumieren wir immer mehr Information über immer kleinere Bildschirme, und die Gesellschaft wird schnelllebiger. Die Folge ist eine schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne der breiten Masse. Die Innenstadt wird lauter, die Schaufenster greller, und trotzdem bleibt von den hunderten Eindrücken eines Bummels kaum etwas hängen.
Zeit totschlagen statt austauschen
Der Digital 2025-Report von We Are Social zeigt: 39 Prozent der 16- bis 24-Jährigen nutzen Social Media vor allem, um Leerlauf zu überbrücken, fast so viele wie jene, die Freunde und Familie als Hauptgrund nennen. Für einen erheblichen Teil der jungen Besucher ist die Innenstadt also kein Treffpunkt mehr, sondern ein Ort zum Zeittotschlagen. Der ursprüngliche Zweck des Marktplatzes, der Austausch, rückt in den Hintergrund.
Du bist das Produkt
In der Innenstadt ist nicht der Inhalt das Produkt, sondern du. Deine Aufmerksamkeit wird gemessen, verpackt und an Werbetreibende verkauft. Die bunten Fassaden sind kein Zufall, sondern Verkaufsflächen, und die Frage ist nie, was dir guttut, sondern was dich hält.
Bummeln mit offenen Augen
Niemand muss die Innenstadt meiden, sie bleibt der lebendigste Ort von Netropolis. Aber es hilft, sich beim nächsten Besuch eine einfache Frage zu stellen: Bin ich gerade hier, weil ich etwas suche, oder weil mich jemand festhält? Wer den Unterschied bemerkt, hat seine Aufmerksamkeit schon ein Stück zurückgewonnen.



