9 Das Museum
Hier liegt der Ursprung von allem. Das Internet begann als ARPANET – ein militärisches Forschungsnetzwerk der 1960er Jahre. Tim Berners-Lee träumte mit dem World Wide Web von einem freien, offenen Raum für alle Menschen. John Perry Barlow schrieb 1996 eine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace – ein Ort ohne Regierungen, ohne Konzerne, nur für Menschen. In den frühen Internetforen lebte dieser Geist noch. Was daraus geworden ist, sieht man vor der Museumstür.

Saal 1: Ein Netz aus Angst geboren
Die Ursprünge von Netropolis reichen zurück ins Jahr 1957, mitten in den Kalten Krieg. Als der sowjetische Satellit Sputnik 1 ins All flog, gründeten die USA aus Angst vor einem Angriff die Forschungsagentur DARPA. Ihr Auftrag: ein dezentrales Netzwerk, das keinen Single Point of Failure hat und damit auch einen Krieg überstehen könnte. Daraus entstand ab 1966 das ARPANET, eines der ersten Rechnernetze der Welt.
1969 folgte der erste Übertragungsversuch: Das Wort „LOGIN" sollte von Los Angeles nach Stanford geschickt werden, doch das Netzwerk brach zusammen. Angekommen sind nur die Buchstaben „LO". Was als geheimes Militärprojekt begann, entwickelte sich durch den Einfallsreichtum einer kleinen akademischen Gemeinschaft zu der Infrastruktur, die heute Milliarden Menschen verbindet. Die frühe Netzkultur war akademisch, kooperativ und nicht-kommerziell.
Saal 2: Ein Geschenk an die ganze Welt
1989 entwickelte Tim Berners-Lee am Kernforschungszentrum CERN das World Wide Web. Seine Idee: Wissen durch Links zu verknüpfen, nicht nur für sich oder CERN, sondern für die ganze Welt. Das Web war für ihn ausdrücklich „mehr ein soziales als ein technisches Projekt", entworfen, um Menschen bei der Zusammenarbeit zu helfen. Werte wie Informationstransparenz, Meinungsvielfalt, Privatsphäre und Vertrauen sollten im Mittelpunkt stehen. Zugleich warnte er früh: Wenn Technologie sich schnell entwickelt, hinkt die Gesellschaft bei den ethischen und rechtlichen Fragen hinterher. Aus heutiger Sicht: prophetisch.
Saal 3: Die Unabhängigkeitserklärung
1996 publizierte der Internet-Aktivist John Perry Barlow die Declaration of the Independence of Cyberspace, eine flammende Absage an staatliche Kontrolle: „Regierungen der industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl – ihr seid hier nicht willkommen." Im Cyberspace sollte es keine Privilegien durch Herkunft, Reichtum oder Macht geben, Wissen sollte frei sein. Die Ironie der Geschichte: Genau diese Freiheit von Regulierung ermöglichte es den heutigen Big Playern, ungebremst zu ihrer Größe zu wachsen. Das Dokument bleibt der historische Marker für den Bruch zwischen Ideal und Realität.
Saal 4: Die Foren, das erste Zuhause
Geprägt wurde das frühe Netz auch von seinen Communities. Aus den Bulletin Board Systems der späten 1970er entwickelte sich eine Forenkultur der Selbst-Veröffentlichung und Selbst-Organisation, ganz ohne zentrale Kontrolle. Doch dieselbe Freiheit hatte eine Schattenseite: Anonymität ließ Menschen Grenzen überschreiten, die sie offline nie überschreiten würden. Der Psychologe John Suler nennt das den Online Disinhibition Effect, als wären Gewissen und moralische Hemmschwellen im Netz zeitweise außer Kraft gesetzt.
Saal 5: Die Theorie vom toten Netz
2021 tauchte in einem Forum ein Beitrag auf, der behauptete, das Internet sei seit etwa 2016 „tot": hauptsächlich bevölkert von Bots und automatisch generierten Inhalten. Damals eine klare Verschwörungstheorie. Doch aus der Perspektive von 2026 findet sie in Teilen eine empirische Entsprechung: 2024 überholte automatisierter Bot-Traffic erstmals den menschlichen Internetverkehr, 2025 lag er bereits bei 53 Prozent. Was als Spinnerei galt, hängt heute als ernstzunehmendes Exponat im Museum.
Der Blick aus dem Fenster
Wer nach dem Rundgang aus dem Museumsfenster schaut, sieht die Wolkenkratzer, die Werbetafeln der Innenstadt und die rauchenden Schlote der Fabrik. Zwischen dem, was Berners-Lee und Barlow träumten, und dem, was Netropolis wurde, liegen nur drei Jahrzehnte. Die Geschichte des Internets ist die Geschichte eines Versprechens und seiner schleichenden Umdeutung.
Geschichte verpflichtet
Doch das Museum ist kein Ort der Trauer. Barlows Worte beeinflussen bis heute die Open-Source-Bewegung, Creative Commons und die Wikipedia-Ethik. Die Ideale sind nicht verschwunden, sie warten auf Menschen, die sie sich zurückholen. Wer weiß, wie die Stadt gedacht war, erkennt schneller, wo sie vom Plan abweicht.



