8 Das Krankenhaus

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Nicht alle Wunden sieht man von außen. Übermäßige Internetnutzung hängt nachweislich mit Angststörungen, Depressionen und Schlafproblemen zusammen. Besonders Social Media konfrontiert uns ständig mit inszenierten Idealkörpern und Erfolgsgeschichten – ein dauerhafter Vergleich, dem kaum jemand standhält. Das Krankenhaus steht nie leer: Die Stadt macht krank, auch wenn man das von der bunten Fassade des Marktplatzes nicht vermuten würde.

Eine anerkannte Krankheit

Die Strukturprobleme von Netropolis, ob Aufmerksamkeitsökonomie, Enshittification oder KI-Überflutung, treffen nicht auf abstrakte Systeme, sondern auf konkrete Menschen. Internetabhängigkeit ist inzwischen ein anerkanntes Phänomen: ein Muster exzessiver Nutzung, das mit psychologischer Abhängigkeit, Kontrollverlust und Toleranzentwicklung einhergeht, strukturell vergleichbar mit Substanz- oder Glücksspielstörungen.

Die weltweite Krankheitshäufigkeit liegt bei 6 Prozent der Allgemeinbevölkerung, bei Menschen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen sogar bei über 25 Prozent. Die Symptome treten häufig gemeinsam mit Depressionen, Angststörungen, Schlafproblemen und Impulsivität auf. Die Störung verstärkt, was bereits vorhanden ist, und schafft neue Abhängigkeiten bei denen, die noch gesund sind.

Der Körper leidet mit, nicht nur die Seele

Ein oft übersehener Aspekt ist der sitzende Lebensstil, der die digitale Dauernutzung begleitet. Bei stundenlangem Scrollen kommt die Bewegung zu kurz. Muskelverspannungen, Rücken- und Nackenschmerzen, Schlafstörungen und Augenschäden sind direkte Begleiterscheinungen übermäßiger Internetnutzung. Ein Teufelskreis, in dem körperliches Unwohlsein die psychische Belastung weiter verstärkt.

Der ewige Vergleich

Besonders belastend sind soziale Vergleichsprozesse. Instagram, TikTok und ähnliche Plattformen sind strukturell darauf ausgelegt, Selbstdarstellung zu maximieren, was beim Betrachten unweigerlich Vergleiche auslöst. Der Psychologe Jonathan Haidt beschreibt eine anxious generation: Jugendliche, die mit dem Smartphone aufgewachsen sind und signifikant höhere Raten an Angststörungen, Depressionen und sozialem Rückzug zeigen als alle Generationen zuvor.

Flucht in die Ersatzwelt

Studien belegen zudem: Menschen mit höherem Internetabhängigkeitsrisiko zeigen ausgeprägtere soziale Angst und stärkeres Vermeidungsverhalten gegenüber realen Begegnungen. Das Internet wird zur Ersatzwelt, nicht weil es besser ist, sondern weil es die Angst vor der echten Begegnung kurzfristig lindert. Langfristig verstärkt die Flucht genau das, wovor man flieht.

Angst als Bindemittel

Eng damit verknüpft ist FOMO, die Fear of Missing Out: die Angst, sozial abgehängt zu werden, wenn man nicht ständig erreichbar ist. Digitale Dauerbereitschaft ist längst keine Wahl mehr, sondern sozialer Erwartungsdruck. Dieser Mechanismus bindet Menschen nicht durch Freude an ihre Geräte, sondern durch Angst, und das ist kein Zufall, sondern Absicht.

Die Zahlen der Stadt

In der Umfrage zu dieser Arbeit haben 77 Prozent oft das Gefühl, zu viel Zeit im Internet zu verbringen, 62 Prozent fühlen sich phasenweise süchtig. Nur 10 Prozent sagen, ihre Internetnutzung habe ihr Wohlbefinden positiv beeinflusst, 63 Prozent verneinen das. Und trotzdem nutzen die meisten das Netz mehr als je zuvor. Hinter der Mehrnutzung steckt keine Begeisterung, sondern ein schwer abzustellender Sog.

Vorsorge ist möglich

Das Krankenhaus behandelt, aber gesünder ist, wer gar nicht erst eingeliefert wird: bewusste Pausen einlegen, Bewegung in den Alltag holen, den Vergleich mit inszenierten Leben als das erkennen, was er ist. Mehr als die Hälfte der Befragten hat schon einmal bewusst eine Social-Media-Pause gemacht. Es geht also, und die Stadt sieht danach anders aus.