10 Das Casino
Einmal rein, schwer wieder raus. Große Tech-Konzerne investieren Millionen in die Frage, wie sie Menschen möglichst lange auf ihren Plattformen halten. Unendliches Scrollen, Benachrichtigungen, Likes – all das ist kein Zufall, sondern Design. Viele Menschen merken gar nicht, dass sie süchtig sind. Das Internet unterhält nicht nur – es ist darauf ausgelegt, uns zu fesseln.

Gebaut wie ein Spielautomat
Casinos haben keine Fenster und keine Uhren, damit die Gäste die Zeit vergessen. Die Plattformen von Netropolis funktionieren nach demselben Prinzip, nur raffinierter. Sie sind nach dem Mechanismus variabler Belohnungen gestaltet, genau dem Prinzip, das Spielautomaten so wirksam macht: Ein Like kommt manchmal, manchmal nicht. Eine Benachrichtigung erscheint unvorhersehbar.
Genau diese Unberechenbarkeit hält die Aufmerksamkeit gefangen, weit effektiver als jede verlässliche Belohnung es könnte. Und sie ist wirksam genug, um klinisch behandlungsbedürftige Abhängigkeiten zu erzeugen. Der nächste Kick ist immer nur einen Wisch entfernt, und niemand weiß, wann er kommt. Das ist kein Nebeneffekt des Designs. Das ist das Design.
Erschöpft, aber nicht imstande zu gehen
Diese Sucht führt bei vielen Menschen zu einer digitalen Erschöpfung. Das bekannteste Symptom: Doomscrolling, das stundenlange Durchforsten von Kurzvideos und Feeds, nach dem man sich eher verbraucht als wohl fühlt. Dazu kommt, dass man sich meist nicht einmal an drei der hunderten Inhalte erinnern kann, die man gerade konsumiert hat. Ein weiteres Phänomen ist das Phubbing: die Handynutzung mitten in sozialen Situationen, etwa während eines Gesprächs mit einem Freund. Es belastet Beziehungen, doch die Betroffenen können durch ihre Abhängigkeit nicht anders.
Das Haus gewinnt immer
Die Umfrage zu dieser Arbeit zeigt das Paradox in Zahlen: Fast die Hälfte der Befragten empfindet das Internet als schlechter als vor zehn Jahren, trotzdem nutzen 52 Prozent es heute mehr als noch vor zwei bis drei Jahren. Unzufriedenheit führt nicht zum Rückzug. Wer aussteigen will, bleibt trotzdem. Genau das ist das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie: nicht zufriedene, sondern gebundene Gäste.
Die Sehnsucht nach dem Echten
Als Gegenpol zur digitalen Erschöpfung wächst die Sympathie für Analoges. Vinyl-Platten verzeichneten 2025 das 19. Wachstumsjahr in Folge, auch CDs legen wieder zu. Mechanische Produkte halten, was sie versprechen, ohne Abo, ohne Update, ohne Benachrichtigung. Die Bewohner von Netropolis kaufen sich Stück für Stück eine Welt zurück, die nicht um ihre Aufmerksamkeit spielt.
Hilfe am Ausgang
Wer das Casino verlassen will, findet Unterstützung. Apps wie Opal ermöglichen es Nutzenden, im Durchschnitt 1 Stunde und 23 Minuten ihres Tages zurückzugewinnen, umgerechnet etwa sechs Jahre eines Lebens. Durch selbstbestimmte Bildschirmzeiten und App-Limits helfen solche Werkzeuge, sich weniger ablenken zu lassen. Ihre Wirksamkeit hängt allerdings vom Willen ab, sie konsequent einzusetzen. Technik gegen Technik: klingt absurd, funktioniert aber.
Wenn der Staat eingreift
Australien geht weiter und lässt das Problem nicht beim Endnutzer: Seit Dezember 2025 gilt dort die weltweit erste Altersbeschränkung für soziale Medien, unter 16-Jährige dürfen Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube nicht mehr nutzen. Die Entscheidung ist umstritten, doch sie verschiebt die Verantwortung dorthin, wo die Suchtmechanismen gebaut werden: zu den Plattformen selbst. Ein Zeichen, dass die Stadt ihre Casinos nicht unreguliert wuchern lassen muss.
Der Ausgang steht offen
Das Casino lebt davon, dass man das Gehen vergisst. Dabei ist der erste Schritt simpel: bemerken, dass man drin sitzt. Wer seine Bildschirmzeit kennt, Benachrichtigungen abschaltet und bewusst Pausen setzt, spielt nicht mehr nach den Regeln des Hauses. Mehr als die Hälfte der Befragten hat schon eine bewusste Social-Media-Pause gemacht. Der Ausgang ist nie verschlossen, nur gut versteckt.



