
11 Die Aussteiger
Abseits vom Lärm der Stadt haben sich einige entschieden, anders zu leben. Die Alive-Internet-Bewegung ist eine Gegenbewegung: Menschen, die das Internet bewusst und sparsam nutzen – nur um echte Momente des Lebens zu teilen, nicht um darin zu verschwinden. Sie spielen nicht mit im Spiel um Klicks und Aufmerksamkeit. Für sie ist das Internet ein Werkzeug, kein Zuhause.

Das Gegenstück zur toten Stadt
Die Alive Internet Theory ist die optimistische Antwort auf die Dead Internet Theory. Sie besagt: Das Web ist weiterhin von echten, suchenden und interagierenden Menschen geprägt. Zwischen all den Bots, Werbeanzeigen und KI-Inhalten existiert eine widerstandsfähige Gemeinschaft, die ein lebendiges Internet gestaltet, man muss sie nur finden.
Der Künstler Spencer Chang bringt es auf seiner Webinstallation alivetheory.net auf den Punkt: Das Internet werde immer voller echter Menschen sein, Menschen, die einander suchen, auf Hilferufe reagieren und selbst mitten in einem Streit gemeinsam lachen. Die Zelte hinter dem Bahnhof sind der Beweis, dass die Stadt nicht ganz den Maschinen gehört.
Kein Rückzug, sondern eine Haltung
Die Aussteiger haben das Internet nicht verlassen, sie nutzen es nur anders. Sie teilen echte Momente und regen zum Nachmachen an. Sie geben Ratschläge und helfen, nicht um an Geld oder Aufmerksamkeit zu kommen, sondern für ein soziales Web. Damit leben sie genau das, was Berners-Lee einst im Sinn hatte: das Netz als soziales Werkzeug, nicht als Aufenthaltsort. Das Internet bleibt Mittel, das Leben findet draußen statt.
Eine wachsende Bewegung
Die Sehnsucht nach diesem Umgang ist messbar. In der Umfrage zu dieser Arbeit taucht auffällig häufig das Bedürfnis nach Rückzug auf, vom „Gras berühren gehen" bis zur Vermutung, es werde künftig eine Bewegung geben, die sich aus dem Netz zurückzieht, weil „die neue Währung deine Lebenszeit" sei. Mehr als die Hälfte der Befragten hat bereits bewusst eine Social-Media-Pause eingelegt. Die Zelte bekommen Zulauf.
Die Rückkehr der Foren
Auch alte Nachbarschaften beleben sich neu: Klassische Internetforen erleben durch ihre Community-getragenen Moderationsmodelle eine kleine Renaissance, weil viele Nutzer:innen den süchtig machenden Algorithmus zunehmend ablehnen. Menschen suchen wieder Orte, an denen nicht eine Maschine entscheidet, was gesehen wird, sondern eine Gemeinschaft.
Analog als Statement
Zum Ausstieg gehört auch die neue Liebe zum Greifbaren: Vinyl wächst seit 19 Jahren in Folge, mechanische und analoge Produkte erleben ein Comeback. Sie halten, was sie versprechen, ohne Abo und ohne Update. Wer ein physisches Ding besitzt, besitzt es wirklich, ein stiller Protest gegen die digitale Enteignung der Wolkenkratzer.
Die Radikalsten der Stadt
Es klingt paradox, aber die Bewohner der Zelte sind vielleicht die radikalsten von allen. Sie verweigern sich dem Spiel um Klicks, Likes und Reichweite, das die gesamte Stadt antreibt. In einer Ökonomie, deren Währung Aufmerksamkeit ist, ist der bewusste Entzug von Aufmerksamkeit die stärkste Form des Widerstands.
Das Web zurückholen
Die Aussteiger zeigen: Das Web ist nicht verloren, aber es braucht Menschen, die es sich zurückholen. Jeder kann damit anfangen, im Kleinen. Echte Momente teilen statt inszenierte. Einem Menschen antworten statt einem Trend. Und ab und zu das Handy weglegen und die Stadt Stadt sein lassen. Netropolis gehört am Ende denen, die in ihr leben, nicht denen, die an ihr verdienen.



